Ab morgen nur noch „Che“ bitte!

Diesmal wollte ich etwas mehr aus dem Nähkästchen plaudern, damit du, lieber Leser, einen besseren Eindruck aus erster Hand gewinnst, welche Gestalten (Schüler wie Lehrer) in meinem Affenzirkus namens berufliche Schule/Berufskolleg auftreten. Aber die aktuellen Pressemitteilungen zu den neuesten Erkenntnissen in der Bildungswissenschaft und -forschung wecken den Rebell in mir! Gerne will ich dem Ruf der Zeit folgen (http://goo.gl/AaQLg) und morgen in meiner Schule die Revolution anzetteln. Das passende Stirnband bastele ich mir aus der Jutetasche, die ich im Fair-Trade-Laden gekauft habe.

Es ist möglich, dass du, lieber Leser, nicht die unrühmliche Ehre hattest und hast, den aktuellen Unterrichtsmethodentrend in deutschen Schulen kennen zu lernen. In diesem Fall eine kurze Einführung, bevor ich zu meinem Schlachtplan komme:

Schüler lernen mit Laptopn und BlockDas oberste Ziel des Unterrichts ist es nicht, Wissen zu vermitteln, sondern Kompetenzen. Der Schüler soll befähigt werden, Lerninhalte selbständig zu erarbeiten, mit einer – im Idealfall selbst gewählten – geeigneten Methode. Das ist auch mehr als sinnvoll, da es zwingend erforderlich ist, dass Menschen heute und morgen wissen, wie sie möglichst selbständig Antworten auf Fragen und Lösungen für Aufgaben und Probleme finden. Sofern der Lehrer dies ebenfalls so sieht und in seinem pädagogischen Denken verinnerlicht, rückt er im Unterrichtgeschehen in den Hintergrund: Er gibt Aufgaben, welche die Schüler mit Hilfsmitteln und im Team selbständig erarbeiten, und moderiert den Arbeitsprozess nur noch. Schülerzentrierung statt Lehrerzentrierung heißt es im Fachjargon. Hört sich gut an? Ist es auch! Mit leistungsstarken Schülern erlebt man sehr produktive Stunden, während man die Schwächeren zunächst erst einmal dahin bringen muss, Verantwortung zu übernehmen und selbständig zu agieren. Aber auch das funktioniert hervorragend, wenn man langen Atem hat… Und da am Ende, nach dem Erwerb des Schulabschlusses, wünschenswerterweise das wahre Leben mit Beruf und Arbeit folgt, sind die Schüler – zu einem gewissen Teil – recht gut vorbereitet, nicht mehr am Händchen geführt zu werden.

So weit, so gut. Nein halt, eben nicht! Nichts ist gut, denn nun fordert ein Herr Felten (Lehrer am Gymnasium und an pädagogischen Hochschulen) im o.g. Artikel, dass wir Lehrer unseren Stock aus dem Pöppes eher in Richtung Rücken befördern sollten: Rückgrat will er sehen, mehr Querulanten bräuchten die deutschen Schulen! Denn der Schüler sei mit diesen moderierenden Lehrern, die diesen Methodenzirkus veranstalteten, einfach nur überfordert. Der Lehrer dürfe nicht mehr das ausführen, was „von oben“ gefordert werde, sondern sich auflehnen – als Beamter könne ihm doch eh nichts passieren. Deshalb bitte ab nach vorne an die Front der Klasse und das Ruder übernehmen! Wie früher!

Ich verstehe: Wenn Schule vorwärts geht, geht sie rückwärts, das ist der Weg. So werden alle Schüler endlich motiviert und leistungsstark.

Che Guevara - RevolutionNichts lieber als das! Mir ist eh irgendwie langweilig, eine Revolte ist eine willkommene Abwechslung. Also höre ich jetzt auf, zu bücken und zu kriechen, und mache stattdessen einen auf Che Guevara. An deutschen Schulen gibt es tatsächlich keine Repressalien als Lehrer, was soll denn passieren?  Man kann sich als Außenstehender gar nicht vorstellen, wie harmonisch es im Lehrerkollegium einschließlich Schulleitung abgeht. Als ob wir direkt aus der pädagogischen Fachschaft der Unis teetrinkend, mit hennarotgefärbten Haaren und Ökolatschen in das Schulgebäude gebeamt worden wären. Ja, wir haben uns alle wirklich total lieb! Deshalb muss ja so ein Revoluzzer wie ich mal endlich für Stimmung sorgen! Alles klar, dann ab morgen nur noch Frontalunterricht, Schluss mit diesem Selbständigkeitsgedöne.

In ein paar Wochen kann ich ja meine Kampfstrategie wieder ändern, denn was Schule auch tut, irgendwie ändert sich nichts an dem sinkenden Leistungsniveau der Schüler. Komisch aber auch… (Schlimmer Verdacht: Es gibt auch noch die Verantwortung der Eltern! Gerüchten zufolge könnte in Kitas frühkindliche Bildung stattfinden! Intrinsische Motivation womöglich? Experten vermuten weitere Faktoren!)

Aber ich werde wohl schon bei der frontalen Linie bleiben, denn so spare ich demnächst viel Zeit, die ich lieber im Weinfachhandel verbringen kann. War ich doch tatsächlich auf der falschen Fährte, meine Unterrichtsmethoden ständig neu zu überdenken, in Abhängigkeit von den Fähigkeiten der Schüler. Viel zu aufwändig! Individuelle Förderung? Das ist viel zu schwer für die armen Schüler!

Doch doch, das passt sehr gut zum Kuscheltrend (http://goo.gl/HrJ7U), der mir immer besser gefällt. Denn es genügt vollkommen, wenn die Schüler erst nach der Schule anfangen, selbständig zu arbeiten. Die Wirtschaft hat hierfür auch vollstes Verständnis!

Ein Kommentar zu “Ab morgen nur noch „Che“ bitte!

  1. Lieber Charli!
    Auch ich versuche mich schon jahrelang als Revoluzer in der Bildungsszene. Mit meinen beiden auf neuer pädagogischer Philosophie aufbauenden Gesamtlehrwerken „Physik für MS und Gymnasien“ sowie „Leitfaden der Mathematik 1.Klasse bis Abitur“ war ich von 2009 bis 2011 auf der Leipziger Buchmesse. Da fortschrittliche Gesamtlehrwerke per Schulbuchzulassungsgesetz von vornherein verboten sind, wollten es die 8 prominentesten Schulbuchverlage nicht verlegen (Angst vor Absatzzusammenbruch der Jahrgangsbücher!) und auch das sächsische Bildungsinstitut wollte mir trotz Sebstbezahlung kein Gutachten erstellen lassen, weil es ja kein relevantes Schullehrbuch sein wird! Ich hatte mir einen großen Schub nach vorn vorgestellt, aber an einem kleinen Stand von 2mx2m (800€) laufen die meisten vorbei. Na ja, ich kämpfe weiter, bin ja ein Revolutionär!
    VG. Uli

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